Das avantgardistische Schlüsselwerk der kürzlich verstorbenen Experimentalfilmlegende Ken Jacobs Tom, Tom, the Piper’s Son (1969) – akustisch interpretiert vom neu gegründeten Ensemble WIRREN um Tizia Zimmermann, Steve Buchanan, Markus Kenel, Junge Eko, Yara Dulac G und Hora Lunga.
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Ken Jacobs’ Tom, Tom, the Piper’s Son ist eine radikale Neubestimmung des Kinos als Wahrnehmungsapparat. Ausgangspunkt ist ein Film von 1905, dessen überfülltes Bildfeld voller gleichzeitig ablaufender Mikrohandlungen sich einer eindeutigen Lektüre entzieht. Jacobs erkennt darin nicht «primitives» Kino, sondern eine visuelle Komplexität – eine «inexhaustible richness of the image», die erst durch genaue Analyse sichtbar wird.
Seine Methode der Re-Fotografie dient dabei nicht der Illustration, sondern der Zerlegung: Durch extreme Verlangsamung, Wiederholung und Vergrösserung wird das Bildfeld systematisch durchsucht. Figuren lösen sich aus der Handlung und werden zu autonomen visuellen Ereignissen; selbst scheinbar nebensächliche Details gewinnen Bedeutung. Der Film wird so zu einer Art Labor des Sehens.
Zentral ist die Verschiebung vom Erzählen zum Wahrnehmen. Das Publikum beginnt aktiv zu schauen und die eigene Blicktätigkeit zu reflektieren. Der Film wird zum Labor, das die Bedingungen des
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Das avantgardistische Schlüsselwerk der kürzlich verstorbenen Experimentalfilmlegende Ken Jacobs Tom, Tom, the Piper’s Son (1969) – akustisch interpretiert vom neu gegründeten Ensemble WIRREN um Tizia Zimmermann, Steve Buchanan, Markus Kenel, Junge Eko, Yara Dulac G und Hora Lunga.
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Ken Jacobs’ Tom, Tom, the Piper’s Son ist eine radikale Neubestimmung des Kinos als Wahrnehmungsapparat. Ausgangspunkt ist ein Film von 1905, dessen überfülltes Bildfeld voller gleichzeitig ablaufender Mikrohandlungen sich einer eindeutigen Lektüre entzieht. Jacobs erkennt darin nicht «primitives» Kino, sondern eine visuelle Komplexität – eine «inexhaustible richness of the image», die erst durch genaue Analyse sichtbar wird.
Seine Methode der Re-Fotografie dient dabei nicht der Illustration, sondern der Zerlegung: Durch extreme Verlangsamung, Wiederholung und Vergrösserung wird das Bildfeld systematisch durchsucht. Figuren lösen sich aus der Handlung und werden zu autonomen visuellen Ereignissen; selbst scheinbar nebensächliche Details gewinnen Bedeutung. Der Film wird so zu einer Art Labor des Sehens.
Zentral ist die Verschiebung vom Erzählen zum Wahrnehmen. Das Publikum beginnt aktiv zu schauen und die eigene Blicktätigkeit zu reflektieren. Der Film wird zum Labor, das die Bedingungen des Kinos offenlegt – Bewegung erscheint nicht mehr als gegeben, sondern als Effekt einzelner Bilder und aktiver Rezeption. So legt der Film die materiellen und zeitlichen Bedingungen des Kinos offen.
Filmhistorisch antizipiert Ken Jacobs damit spätere Revisionen der Frühfilmgeschichte: Er zeigt schon hier, dass frühe Filme nicht naiv oder unentwickelt sind, sondern komplexe visuelle Systeme. Tom, Tom wird damit zu einer Form von «Medienarchäologie», ein «cinema of inquiry rather than illustration», das das Kino durch seine eigenen Bilder hindurch untersucht und neu lesbar macht.
Die extreme Nähe zum Material – bis hin zur Sichtbarkeit des Filmkorns – verwandelt das Bild in eine beinahe abstrakte, körperlich erfahrbare Struktur. Wahrnehmung erscheint hier nicht als neutrales Registrieren, sondern als aktiver, zeitlich gedehnter Prozess.
(Lois Mendelson, Bill Simon, https://www.artforum.com/features/tom-tom-the-pipers-son-212092/)
https://videoex.ch/videoex/festival-2026/programm-2026/expanded-cinema-and-live-acts/ensmeble-wirren-ken-jacobs
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